Wer sich bisher erfolgreich gegen die Facebook-Chronik gewehrt hat, wird ab heute und in den nächsten Wochen schlichtweg von ihr überrollt. Einverständnis vorausgesetzt, ansonsten ist die selbständig vorgenommene Deaktivierung des Accounts jederzeit möglich. Einen anderen Weg gibt es nicht.  Dieses Vorhaben Facebooks hat in vielen Kreisen der weltweiten Netzgemeinde einen Aufruhr ausgelöst. Datenschützer schlagen die Hände über den Köpfen zusammen, der kleine Mann und die kleine Frau sind verunsichert. Doch was ist wirklich dran an der Geschichte?

Verändertes Layout, neue Möglichkeiten

Zunächst einmal hat sich das Layout der Seite verändert. Man kann es mögen oder nicht, das alte war wohl bisher auch eher funktional als schick. Mit dem neuen Design, dem vergrößerten Titelbild, dass sich über die gesamte Kopfleiste der Seite erstreckt, lassen sich unendlich viele Möglichkeiten gestalten. Ich finde das gut, jemand anderes mag es vielleicht nicht.

Mit der neuen Chronik (im Englischen „Timeline“) hat sich auch der aktivierte Livestream geändert. Der Nutzer muss jetzt nicht mehr auf die Startseite gehen, um zu sehen, welche Neuigkeiten es gibt. Er bekommt jetzt ganz bequem im rechten Rand in einem Fenster angezeigt, welche Ereignisse gerade auf Facebook gepostet und welche Beiträge von „Freunden“ mit „gefällt mir“ bewertet oder kommentiert  werden. Je mehr „Freunde“ ich jedoch auf Facebook habe, desto schneller verändert sich der Stream und man verliert schnell die Lust, diesen weiterzuverfolgen.  Wie die Chatleiste, in der ich sehe, welcher meiner „Freunde“ online ist, kann ich den Livestream deshalb ebenfalls verbergen. Weniger schön sind die gesponserten Nachrichten, die auf jeder Seite, auf der ich unterwegs bin, angezeigt werden. Bisher konnte ich diesen jedoch erfolgreich ignorieren und sehe ihn als lästiges Übel, das ich in Kauf nehmen muss, wenn ich Facebook weiterhin kostenfrei nutzen möchte.

Screenshot

Wahr ist auch, dass plötzlich durch den Zeitstrahl in der rechten Leiste das ganze Leben chronisch dargestellt wird und „Freunde“ gezielt nach Ereignissen nach Jahreszahlen suchen können. Somit wird vieles nachvollziehbarer. Doch Facebook ist zu jung, um auch nur im entferntesten ein ganzes Leben aufzuzeigen. Manch ein Nutzer stellt wohl nachträglich ein Foto seiner ersten Lebenstage, der ersten Schritte, der ersten Ballettstunde oder der ersten Fußball-Mannschaft  in seine Chronik. Oder er benutzt die neue Möglichkeit der Landkarten, um anderen „Freunden“ zu zeigen, wie weitgereist und kosmopolitsch man ist. Schön, doch eigentlich nur Spielereien. Datenschützer befürchten, dass schon jetzt Chroniken von Eltern für ihre Kinder angelegt werden, die gerade erst das Licht der Welt erblicken und diese sie später nicht mehr löschen können. Das Netz weiß dann schon zu viel. Und jeder kann die Peinlichkeit nachvollziehen, wenn die eigenen Eltern einen Schwank aus der Kindheit preisgeben. Doch der Teufel wird hier wohl allzu schwarz an die Wand gemalt. Wer weiß denn, ob Facebook in 10 bis 20 Jahren überhaupt noch eine Rolle spielt?

Das Internet vergisst nicht!

Zunächst einmal gilt folgender Hinweis: Jeder Nutzer kann für sich selbst klug entscheiden, ob er sich ein Profil auf Facebook zulegt oder nicht. Facebook mag genauso viele Nachteile wie Vorteile haben, die man sich erst bewusst machen sollte! Bin ich bereit meine Daten offenzulegen? Möchte ich Facebook meine Nutzerdaten preisgeben, damit es sie an seine Kunden weitergeben kann, die wiederum Nutzerverhalten studieren können und für Marketingzwecke einsetzen? Möchte ich, dass jeder sehen kann, welche Beiträge mir im Netz gefallen und welche ich mit meinen Facebook“-Freunden“ teile? Welche meiner Beiträge sind (halb-)öffentlich oder gänzlich privat? Hier folgt die Entscheidung für oder gegen Facebook.

Das Internet ist übersät mit sozialen Netzwerken in allen Sprachen und mit allerlei verschiedenen Schwerpunkten von der Foto-Community bis zur Mutter-Vater-Kind-Vermittlung (siehe das Social Media Prisma). Doch was nutzt ein Netzwerk, in dem sich keine Freunde tummeln? So ergeht es derzeit StudiVZ. Facebooks Monopol liegt aber genau dort: In Deutschland haben mehr als 22,1 Millionen Nutzer (Quelle: allfacebook.de, Stand 01.01.2012) bei Facebook einen Account. Aber nur eine kleine Menge ist aktiv, der Großteil der Nutzer nimmt eher eine passive, beobachtende Rolle ein.

Wichtig zu wissen: Mit all‘ den Umstellungen, die Facebook vornimmt, ist der Nutzer immer mehr in der Pflicht seine Privateinstellungen zu überprüfen und genauestens zu beobachten, welcher Beitrag wie privat sein soll.

Verantwortungsbewusst posten

Auch mit der neuen Chronik hat sich eines nicht verändert: Wie bisher auch, gilt weiterhin „Sprich‘ über dich nur so im Netz, wie du es selbst verantworten kannst“.  André Lapehn, Inhaber der Kommunikationsagentur WirJetztHier mit Sitz in Düsseldorf, bemerkt kritisch: „Die Chronik kann den einen oder anderen dazu verleiten, mehr Informationen über sich preizugeben als im Nachhinein gewünscht. Unabhängig der Chronik-Pflicht sollte jeder für sich prüfen: Was stelle ich ins Web? Und was möchte ich überhaupt preisgeben? Also, bewusst publizieren und das eigene Profil im Auge behalten. Daten sind die neue Währung. Nix ist also kostenlos.“ Denkanstöße  zum Thema gibt es hier: Franca Cerutti, Diplom-Psychologin, über Psychologische Aspekte im online-Beziehungsmanagement (Kommunikation und Beziehungsgestaltung in sozialen Netzwerken, besonders zu beachten: „Kommunikationsregeln“).

Menschen, die einmal in die Späre Facebook eingestiegen sind und seine Vorteile kennengelernt haben, werden sich schnell an die neue Chronik gewöhnen. Ich für meinen Teil habe sie bereits schätzen gelernt und gehe bewusst damit um. Mit der neuen Timeline wird plötzlich jeder Nutzer zum Star. Es gilt, wie in der Realität auch, sich zu inszenieren. Auch dessen muss sich jeder bewusst sein: Im Netz versucht jeder die bestmögliche Online-Reputation zu erhaschen. Alle anderen sind selber schuld.

Hinweis: In der ZDF-Mediathek bin ich auf einen interessanten, zusammenfassenden Beitrag über die Timeline gestoßen: „Facebook: Chronik auch ohne Zustimmung“.

Advertisements